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Meerschweinchen – Körpersprache und Rangordnung

  • Tierisch schlau
  • 4. Juni 2025
  • 8 Min. Lesezeit

Meerschweinchen sind gesellige Tiere, doch auch in harmonischen Gruppen kommt es zu Auseinandersetzungen. Als Halter ist es wichtig, die Körpersprache der Tiere zu verstehen und ihre Rangordnung zu respektieren. Missverständnisse können zu Stress oder sogar Verletzungen führen. In diesem Artikel erfährst du, wie Männchen und Weibchen miteinander interagieren, was Jagd- und Dominanzverhalten bedeuten und wie du mit Aggressionen im Gehege umgehen kannst.

Körpersprache der Meerschweinchen verstehen

Meerschweinchen teilen viel über Körperhaltungen und Laute mit. Typische Drohgebärden sind etwa das Hochwerfen des Kopfes oder Zähneblecken (Maul aufreißen) – das heißt „Bleib weg!“ und wird manchmal fälschlich als Neugier interpretiert. Auch Zähneklappern (schnelles Aneinanderschlagen der Zähne) signalisiert Ärger oder Angriffslust und tritt oft bei Rangordnungskämpfen auf. Stellt ein Meerschweinchen sein Fell sträubend hoch und macht sich „groß“, versucht es zu imponieren oder ist zu einem Kampf bereit. In Konfrontationen strecken dominante Tiere die Beine durch, um höher zu wirken, das Fell steht zu Berge – dieses Imponieren kann gegenüber Rivalen oder auch, bei Böckchen, vor Weibchen gezeigt werden.


Ein balzendes oder imponierendes Männchen zeigt den “Wiegeschritt”: Es wackelt langsam mit dem Hinterteil, vibriert tief brummend (das sogenannte Brommseln) und hat gesträubtes Nackenfell. Dieses Verhalten dient nicht der Aggression, sondern soll das Weibchen besänftigen. Interessanterweise nutzen Böcke das Brummen und Hin-und-her-Wiegen auch, um Unruhe in ihrer Gruppe zu schlichten – quasi als Signal zur Beruhigung aller. Ein weibliches Meerschweinchen in Brunst kann übrigens ähnlich brummend auftreten. Wenn ein Weibchen paarungsbereit ist, stellt es dem Männchen kooperativ das Hinterteil hin. Ist sie hingegen nicht bereit, wird sie Annäherungen lautstark abwehren: mit schrillen „Mecker“-Pfiffen, Luftschnappen nach dem Bock und sogar einem gezielten Urinstrahl ins Gesicht des aufdringlichen Männchens – ein eindrucksvolles „Nein“!


Weitere körpersprachliche Signale: Rammeln (Aufreiten) zeigt Dominanz – ranghohe Weibchen und Böcke besteigen manchmal rangniedere Tiere, um ihre Stellung zu klären. Ein dominantes Tier besteigt also oft das unterlegene, was tatsächlich den Rang festlegt. Flucht und Jagen: Rennt ein Meerschweinchen panisch davon, wurde es entweder erschreckt oder es entzieht sich einem dominanten Tier. Jagdverhalten im Gehege – etwa ein Männchen, das einem Weibchen nachsetzt – ist meist Teil des Paarungsspiels oder Rangordnungstheaters. Bei der Werbung jagt der Bock die Weibchen manchmal, bis er aufreiten kann. Unter Böcken oder auch Weibchen kann ein ranghöheres Tier ein rangniederes jagen, um seinen Status zu bestätigen. Wichtig ist hier zu erkennen: gelegentliches Hinterherlaufen mit Brommseln ist normal und legt die Hierarchie fest. Ernsthaftes Verbeißen oder dauerhaftes Hetzen hingegen deutet auf Stress in der Gruppe hin, dem man Beachtung schenken muss.


Rangordnung: Wer ist Chef im Gehege?

In jeder Meerschweinchengruppe existiert eine Hierarchie. Beim Zusammenstellen einer neuen Gruppe wird diese Rangordnung durch kurze Kämpfe ausgefochten. Auch später kann es immer mal wieder zu Revierkämpfen kommen, zum Beispiel wenn ein Tier heranwächst und seinen Platz neu verhandeln will. Typisch sind dabei Drohgebärden wie Zähneklappern und Fellsträuben, manchmal auch handfeste Raufereien. Als Halter solltest du hier nicht vorschnell eingreifen, so lange es bei harmlosen Rangeleien bleibt. Diese Rangkämpfe sind natürlich und notwendig, damit die Gruppe wieder Ruhe findet. Greifst du jedes Mal ängstlich ein, müssen die Tiere ihren Konflikt später erneut ausfechten und es kommt immer wieder zu neuen Kämpfen, bis die Rangordnung endlich geklärt ist. Dein Eingreifen würde also nur für Dauerstress sorgen. Solange kein Tier ernsthaft verletzt wird, heißt es: beobachten, aber machen lassen. Meist beruhigt sich die Lage rasch von selbst, und danach kehrt oft wochen- oder monatelang Frieden ein.


Trotzdem gilt es aufzupassen, wann ein Streit zu weit geht. Wenn Blut fließt oder ein Tier sichtlich verletzt ist, muss man selbstverständlich trennen, um Schlimmeres zu verhindern – denn in seltenen Fällen können sich Meerschweinchen sogar ernsthaft verletzen oder im Extrem töten. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: Normales „Rangeln“ (mit Propsen, Aufreiten, Verjagen) gehört dazu, wohingegen bissige Kämpfe mit blutenden Wunden Alarmzeichen sind.


Wann und warum streiten Meerschweinchen? Häufige Gründe sind neben der Hierarchiefindung auch Unverträglichkeiten, Platzmangel, Schmerzen oder Ressourcenneid. Wenn zwei Charaktere partout nicht harmonieren, kann anhaltender Stress oder Kampf die Folge sein. In so einem Fall ist es manchmal besser, die Tiere dauerhaft zu trennen. Ideal ist eine Trennung außer Sicht- und Reichweite, damit beide zur Ruhe kommen. Sollte ein Meerschweinchen einzeln bleiben müssen, denke über ein neues Zuhause für das Tier nach, wo es sich in eine andere Gruppe integrieren kann – denn Einzelhaltung macht Meerschweinchen unglücklich. Platzmangel ist ein weiterer Konfliktfaktor: Gerade bei Gruppen mit mehreren Böcken führt ein zu kleines Revier schnell zu Aggressionen. Sorge daher immer für ein großzügiges Gehege mit Verstecken und Rückzugsräumen. Pro Tier rechnet man mindestens 0,5–1 m² Fläche; je größer die Gruppe, desto mehr Raum wird benötigt. Bei ersten Anzeichen von Spannungen kann es sinnvoll sein, das Gehege zu erweitern. Mehr Platz und Struktur (Häuschen, Röhren, Sichtschutz) erlauben den rangniederen Tieren, auszuweichen, sodass weniger Streit entsteht.


Auch Schmerzen oder Krankheiten können plötzlich Aggressivität auslösen. Wenn ein zuvor friedliches Meerschweinchen unerwartet gereizt reagiert und Streitereien anfängt, könnte es leiden. Durch die Schmerzen ist das Tier generell gestresst und überreagiert gegenüber seinen Partnern. In einem solchen Fall solltest du das betroffene Tier behutsam aus der Gruppe nehmen und tierärztlich untersuchen lassen. Findet der Tierarzt z.B. eine Entzündung oder Verletzung, kann die Behandlung oft das Verhalten wieder normalisieren. Nach Genesung muss man bei der Wiedereingliederung allerdings vorsichtig sein und die Hierarchie erneut beobachten.


Ein oft unterschätzter Faktor ist Futterneid. Wenn bei der Fütterung ständig Streit ausbricht, erhalten manche Tiere eventuell nicht genug oder ein gieriger Artgenosse beansprucht alles. Die Lösung: Stelle stets ausreichend Futter für alle zur Verfügung und verteile es auf mehrere Plätze im Gehege. Schneide Frischfutter in kleinere Stücke, damit nicht ein Tier ein riesiges Stück schnappt und der Rest leer ausgeht. So milderst du Konkurrenz um die Leckerbissen. Beobachte beim Füttern, ob alle zum Zug kommen – so vermeidest du Stress um Ressourcen.


Gruppenzusammenstellung und Konfliktvermeidung

Die richtige Gruppen-Konstellation ist entscheidend für den Frieden im Gehege. Am harmonischsten läuft meist eine gemischte Gruppe mit einem kastrierten Männchen und mehreren Weibchen. Dieses Haltungsmodell entspricht dem natürlichen Sozialverband der Meerschweinchen: ein dominanter Bock mit zwei bis drei Weibchen. Mehr als ein Männchen in einer Gruppe ist möglich, erfordert aber besondere Bedingungen. Wenn du z.B. zwei Böcke mit Weibchen halten willst, musst du genügend Weibchen (und sehr viel Platz) haben. Faustregel: pro Männchen mindestens 2–3 Weibchen, andernfalls sind Rivalitäten vorprogrammiert. Achte dann aufmerksam auf die Böcke – sobald Spannungen auftreten, trenne sie lieber in eigene Gruppen, bevor es eskaliert. In Gruppen mit mehr Männchen als Weibchen leiden die unterlegenen Böcke oft massiv unter Stress. Dauerstress schwächt das Immunsystem und kann die Tiere krankheitsanfällig machen. Im schlimmsten Fall kommt es zu blutigen Kämpfen um die Weibchen. Daher raten Experten dringend davon ab, eine reine Männer-WG bei Meerschweinchen zu halten. Böcke leben in der Natur nicht lange friedlich zusammen; ohne Weibchen fehlt meist der soziale „Kitt“ und Konkurrenz dominiert.


Reine Weibchengruppen funktionieren hingegen oft gut. Mehrere Weibchen ordnen sich untereinander eine Leit-Sau zu – die kräftigste oder selbstbewussteste übernimmt meist die Führung. Kleine Rangeleien können auch unter Weibchen vorkommen, vor allem wenn sie gleichzeitig brünstig sind (man spricht dann salopp von „Zickereien“). Diese sind aber meist harmlos und kurzlebig. Allgemein sind Weibchen-Gruppen recht stabil, solange genügend Platz und Verstecke vorhanden sind. Es schadet nicht, wenn die Gruppe gemischten Alters ist: Jungtiere respektieren ältere und die Älteren bringen Ruhe hinein. Sollte eine reine Weibchengruppe jedoch sehr nervös und unruhig sein, kann ein ruhiger, kastrierter Bock manchmal für Ausgleich sorgen – man sagt scherzhaft, er „bringt die Damen zur Vernunft“. Wichtig: Wenn du ein Männchen mit Weibchen hälst, lass ihn unbedingt kastrieren! Sonst hast du bald ungewollten Nachwuchs, denn Meerschweinchen vermehren sich extrem schnell. Die Kastration ist beim Bock ein Routineeingriff mit geringem Risiko und verhindert sowohl Nachwuchs als auch oft übermäßiges dominantes Verhalten.


Bei der Verpaarung neuer Tiere gilt: Neutraler Boden hilft, Streit zu vermeiden. Führe ein neues Meerschweinchen am besten außerhalb des bestehenden Reviers mit den anderen zusammen. Beispielsweise auf neutralem Terrain mit genug Platz und Verstecken können sie sich beschnuppern und kennenlernen, ohne dass Revierverteidigung ins Spiel kommt. So lassen sich viele Kämpfe von Anfang an verhindern. Beobachte die Zusammenführung genau – etwas Gejage und Gerangel ist normal, aber sollte sich nach einigen Stunden legen.


Hygiene und Stallgestaltung helfen ebenfalls bei der Vorbeugung von Konflikten. Reinige das Gehege regelmäßig, insbesondere Bereiche mit Urin und Kot, um Geruchsmarken (die Dominanz untermauern) zu minimieren. Struktur im Gehege ist wichtig: Platziere mehrere Unterschlüpfe und Häuschen, am besten mit mehreren Ausgängen, damit rangniedere Tiere sich zurückziehen können ohne in die Enge getrieben zu werden. Wenn es nur einen Eingang gibt, kann ein dominantes Tier dieses „Blockieren“ und ein anderes einschließen – daher immer Häuser mit zwei Öffnungen verwenden. Auch mehrere Futter- und Wasserstellen verhindern Streit, wie oben erwähnt. So muss kein rangniedriges Meerschweinchen hungern, weil ein anderes alles bewacht.


Umgang mit Aggression und Verletzungen

Trotz aller Vorsicht kann es passieren, dass ein Meerschweinchen aggressiv gegenüber seinen Partnern wird. Wichtig ist dann, Ursachenforschung zu betreiben: Ein Tier, das unvermittelt beißt oder jagt, fragt quasi „Was stimmt nicht?“. Überprüfe alle möglichen Auslöser: Ist das Tier gesund oder könnte es Schmerzen haben? Hat sich in der Umgebung etwas geändert (neue Tiere, neues Gehege, Stressfaktor)? Oft lässt sich ein Grund finden und abstellen. Temporäre Trennung kann aggressiven Tieren und ihren Opfern eine Pause gönnen. Achte dabei darauf, den Aggressor nicht auf Dauer allein zu lassen – das wäre für ein Gruppentier Quälerei. Stattdessen könnte man z.B. benachbarte Gehege machen, wo sie sich sehen und riechen, bis die Wogen sich glätten (sofern kein extremes Mobbing vorliegt). Im Extremfall – wenn ein Tier einfach nicht in die Gruppe passt – ist es legitim, für dieses Tier ein passenderes Zuhause zu suchen, wo es friedlich leben kann.


Verletzungen bei Rangordnungskämpfen sind zum Glück selten schwer, aber vorkommen kann es. Kleine Kratzer oder Bissspuren heilen meist von selbst ab. Reinige oberflächliche Wunden mit einem geeigneten Desinfektionsmittel und behalte sie im Auge. Stark blutende oder tiefe Bisswunden sollten jedoch von einem Tierarzt begutachtet werden – wegen Infektionsgefahr und der Möglichkeit von Abszessen. Meerschweinchenbisse können Keime tief in die Haut einbringen, daher im Zweifel lieber einmal zu viel zum Tierarzt. Ein Tierarzt kann die Wunde fachgerecht säubern und ggf. ein Antibiotikum geben, um eine Infektion zu verhindern. Außerdem sollte ein verletztes Tier stressfrei gehalten werden, bis es verheilt ist: Gegebenenfalls isoliert man es vorübergehend mit einem ruhigen Partner, damit es sich erholen kann, ohne gleich wieder Rangstreit auszufechten.


Tipp: Halte in der Hausapotheke für deine Meeries ein mildes Desinfektionsspray bereit und informiere dich vorab, welcher tierkundige Arzt in deiner Nähe Notfälle behandeln kann. So bist du vorbereitet, falls ein Kampf doch mal eskaliert.


Fazit

Ein friedliches Meerschweinchen-Team entsteht durch verständige Haltung: Kenne die Sprache deiner Tiere und respektiere ihre natürlichen Hierarchien. Meerschweinchen zeigen durch Körpersprache klar, wer Chef ist und wann genug ist – vom brommselnden Werben bis zum Zähneklappern als Warnung. Gib deinen Schützlingen genug Raum, Strukturen und die passenden Partner, damit sie Konflikte selbst lösen können. Greife nur ein, wenn es wirklich zu heftig wird oder Verletzungen drohen. Mit ausreichend Platz, der richtigen Gruppen-Zusammenstellung (idealerweise ein kastriertes Männchen mit mehreren Weibchen) und guter Beobachtung kannst du vielen Konflikten vorbeugen. Achte auf Frühwarnsignale wie vermehrtes Jagen, Quieken oder struppiges Fell – so kannst du rechtzeitig Maßnahmen ergreifen (z.B. mehr Futterplätze, Tierarztbesuch bei Schmerzen). Am Ende wollen Meerschweinchen – wie wir – vor allem in Ruhe zusammenleben. Indem du ihre Körpersprache „sprichst“ und ihr natürliches Sozialverhalten unterstützt, hilfst du ihnen, eine stabile Rangordnung zu finden. Dann kehrt schnell Harmonie ein und du kannst dich an einer glücklichen, entspannten Meerschweinchen-Gruppe erfreuen.

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